von Helen Meisel

Ach. Da wurde also schon wieder eine vergewaltigt. „Langsam wird Freiburg aber auch zum Rape-Capital Deutschlands“, denke ich mir, während ich den Nachrichtenlink anklicke. 18-jähriges Mädchen. Syrer. 15 Männer.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mich erschüttert. Als im Oktober 2016 Maria Ladenburger in Freiburg vergewaltigt wurde, da hatte es mich noch erschüttert. Maria war 19 und auf dem Weg nach Hause, als sie sterben musste. Er war ein Afghane, er vergewaltigte sie mehrere Stunden, schlug sie zu Brei und ertränkte sie im Fluß. Der Afghane, der seit einem halben dutzend Jahren immer wieder nur 17 Jahre alt wurde, war vorher schon in Griechenland verurteilt worden, weil er eine Frau 10 Meter in die Tiefe gestürzt hatte. Denn „es war doch nur eine Frau“, sagte er völlig unfähig, die Aufregung zu verstehen. Hatten wir nicht genau davor gewarnt? Maria hätte nicht sterben müssen. Wie soll man angesichts so viel menschlichen Versagens nicht zum Wutbürger werden?

Jetzt, nur 2 Jahre später, ist die Wut in vielen der Gleichgültigkeit und in manchen gar dem Zynismus gewichen. Die Vergewaltigungsmeldungen sind derart zum Alltag geworden, dass die Menschen mit der Empörung nicht mehr hinterherkommen, bis sie schließlich ganz ausbleibt. Nicht wenige erinnern sich noch daran, wie die brutale Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Indien hier Schlagzeilen machte, da so etwas gänzlich unvorstellbar war. Inzwischen geschieht das regelmäßig vor unserer Haustür und wir haben uns auch noch daran gewöhnt.

Der Zynismus rührt aber nicht nur aus der Gewöhnung, d. h. aus der reinen Häufigkeit solcher Verbrechen. Im Umgang mit ihnen werden die eigenen Erfahrungen damit, sie verhindern zu wollen, immer relevanter. Schließlich warnt man seit Jahren vor diesen Gefahren und riskiert, vor seinem Arbeitgeber diffamiert und der Lebensgrundlage entzogen zu werden, nur um den Opfern zu helfen, bevor sie zu Opfern werden – und erntet dafür Hass und Hetze. Dieser abgewiesene Hilfeversuch schlägt im Bewusstsein in Trotz der Art „Wenn du meine Hilfe nicht willst, dann leb mit den Konsequenzen deines Handelns“ um.

Maria war in der Flüchtlingshilfe aktiv. Die 18-Jährige, die kürzlich vergewaltigt wurde, hatte zuvor Drogen von ihrem Peiniger gekauft und sich auf einen Drink von ihm einladen lassen. Beide hätten einen wahrscheinlich als Rassisten und Nazi beschimpft, wenn man sie vor den Gefahren, die ihnen zugestoßen sind, hätte warnen wollen. Der zynischste Ausspruch, den man in diesem Kontext lesen kann, ist wahrscheinlich „Gold bestellt, Gold bekommen“ (in Anspielung auf die Aussage von Martin Schulz, was uns die Illegalen brächten, sei wertvoller als Gold).

Doch suchen sich die Vergewaltiger ihre Opfer nicht nach linker politischer Gesinnung aus. Nachts auf dem Heimweg überfallen zu werden, kann genauso gut der eigenen Tochter oder einem selbst zustoßen. In einer Bar etwas ins Getränk gemischt zu bekommen, obwohl man bewusst keinen Alkohol bestellt hat, um auf sich selbst aufpassen zu können, ist genauso möglich. Der Zynismus verkennt, dass die Gefahr nicht weniger real oder weniger hässlich wird, indem sie sich täglich entlädt oder die vermeintlich „Richtigen“ trifft, denn es kann jeden von uns treffen. Darum können wir nicht hinnehmen, dass diese Zustände zur Normalität werden und irgendwann nicht mehr nur „die Anderen“, sondern uns treffen.

Die Abstumpfung treibt uns unmittelbar in die Arme der Gefahr, indem wir sie als Normalität akzeptieren und aufhören, sie durch Aufklärung und Informationsarbeit zu bekämpfen. Sie ist nicht anders zu betrachten als die Faulheit, die uns zum Verhängnis wird. Die Empörung des ersten Tages werden wir nicht wieder zurückbekommen und müssen wir auch gar nicht. An der Notwendigkeit, zu handeln, ändert sich dadurch nichts.

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