Ein mitverfolgtes Gespräch auf einer Zugfahrt irgendwo in Deutschland: Drei Protagonisten zwischen 50 und 60 Jahren, vermutlich Kollegen in der öffentlichen Verwaltung, tauschen sich über die politische Weltlage von A bis Z aus. Unweigerlich wird auch Migration und Integration zum Thema. Schon schnell kann man bei allen Teilnehmern der Diskussion ein vorsichtiges Abtasten feststellen, ein sanftes Bekenntnis, dass die Migrationspolitik vielerorts schiefläuft, wird schnell wieder durch subjektive oder medial aufgeschnappte Erfahrungswerte eingeschränkt. Und immer wieder der gegenseitige Quellenhinweis:

„Dazu habe ich vor kurzem einen Bericht im Fernsehen gesehen.“ Dort wissen alle Beteiligten ausschließlich von Fernsehbeiträgen über gut integrierte Asylbewerber zu berichten, denen jedoch aufgrund ihres ungeklärten Aufenthaltsstatus die Abschiebung in die Heimat droht. Das Asylrecht scheint sich in der Medienwahrnehmung der Gesprächsakteure nicht mehr nach den rechtlichen Standards zu bestimmen, sondern nach subjektiven Gefühlsaufwallungen. Gewiss sind solche Zuggespräche nicht durch komplexe Reflexionen und Differenzierungen geprägt. Aber der ständig wiederholte Verweis auf konsumierte Fernsehberichte erweckt einen ganz anderen Gedanken über die nach wie vor stabile Realität des Fernsehens als Autoritätsmedium.

Das Fernsehen hält sich stabil

Viel wurde in den letzten Jahren über den Bedeutungsverlust des Fernsehens geschrieben. Das Internet schafft nahezu täglich wesentlich attraktivere Unterhaltungs- und Informationsmodelle. Und doch geben die Statistiken über den Medienkonsum in Deutschland ein anderes Bild ab und zeichnen eine hohe Differenz zwischen den Altersgruppen. Erwartungsgemäß ist bei der Generation 60+ weiterhin das Fernsehen die meistgenutzte Informations- und Unterhaltungsquelle, während bei den unter 30-Jährigen sämtliche Formate des Internets alles abgelöst haben. Weit abgeschlagen in beiden Altersklassen liegen die Printmedien. Zeitungen und Magazine scheinen ihr Geschäftsmodell jedoch nach und nach für die Netzgeneration anzupassen.

Der Generationenkonflikt

Die Statistik selbst scheint bei genauerer Reflexion über Medienkonsum in der Gesellschaft keine großartigen Überraschungen hervorzurufen. Doch sie zeigt einen Generationenkonflikt, der sich mittelfristig auch auf das Feld politischer Einflussmöglichkeiten erweitert. Von der Alterung der bundesdeutschen Bevölkerung profitieren nämlich insbesondere die Fernsehformate und mit ihnen auch das politische und kulturelle Leitbild, das sie transportieren. Nur ca. drei Prozent des Tagesthemen-Publikums ist zwischen 14 und 29 Jahre alt. Junge Menschen beziehen ihre Informationen aus einem völlig anderen Medien- und Kommunikationssystem, dezentral und auch unkontrolliert. Das System Fernsehen ist jedoch von festgelegten Redaktionsplänen und einem limitierten Informationsangebot gekennzeichnet. Dies ergibt sich aus der Eigenlogik beider Plattformen.

Alter und Wahlverhalten

Die Nutzung der verschiedenen Medienkanäle und die Aufteilung in verschiedene Altersgruppen wirkt sich auch auf politische Wahlentscheidungen und Handlungen aus. Während bis vor 30 Jahren Wählermilieus recht stabil und zuverlässig zu bestimmen waren, hat sich mit dem digitalen Zeitalter auch die Dynamik von Wählerwanderungsbewegungen verstärkt. Politische Lager organisieren sich nicht mehr nur nach sozialer Zugehörigkeit, sondern werden maßgeblich durch allgemeine Stimmungsbilder charakterisiert, die sich nur innerhalb kürzester Zeitintervalle verändern können. Diese Stimmungsbilder werden natürlich vordergründig durch Medien produziert. Gerade in den öffentlich-rechtlichen Fernsehangeboten erlebt man jedoch ein Gesamtbild, welches heute immer weniger mit kritischem und differenziertem Journalismus zu tun hat. Kaum ein Sender, kaum ein Format übernimmt nicht den allgemeinen Sound von „bunter Vielfalt“ und „Multikulti“.

Hofierender Regierungsjournalismus

Gleichzeitig wird ein hofierender Regierungsjournalismus betrieben, wo die etablierten Parteien die Fernsehnachrichten mehr als ihre erweiterte Pressemitteilungsabteilung sehen, anstatt als außerparlamentarische Opposition, die ihre Arbeit kritisch begleitet. Jeder Sender saugt sich die Finger nach unserer aktuellen Regierungschefin Angela Merkel für ein Interview oder einen öffentlichen Auftritt. Und so geht man selbstverständlich auf alle Forderungen des Kanzleramtes ein, sodass in den Sendungen bei Anne Will Gäste sein dürfen, die sich nicht mit den sanften und sterilen Phrasenbingo abspeisen lassen und vielleicht wirklich in die Debatte über Versagen und Fehlleistungen der Bundesregierung einsteigen könnten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die stabilisierende und nahe an der Regierungspolitik orientierte, mediale Berichterstattung auch im Wahlverhalten widerspiegelt. Entgegen der ständigen Behauptungen, dass konservative Parteien vordergründig von älteren Bevölkerungsschichten gewählt werden, sprechen die Statistiken in nahezu allen europäischen Ländern eine andere Sprache. Insbesondere in Frankreich beim Rassemblement National (ehemals FN) oder in Österreich bei der FPÖ wurden die Mehrheit der Wähler in den Altersklassen zwischen 25 bis 45 mobilisiert. Nur leicht höher war der Altersschnitt bei der AfD, die in den Altersklassen bis 60 Jahren ihre stärksten Ergebnisse einfährt, aber ab dieser Grenze nur noch die etablierten Parteien wie CDU und SPD alles abräumen.

Was ist daraus für ein Fazit zu ziehen? Der Generationenkonflikt zieht sich nicht nur durch die geplanten Maßnahmen der sozialen Umverteilung, um Rente und Gesundheitswesen zu finanzieren, sondern setzt an einer viel tieferen Ebene der Chancen um politische Veränderungen an. Es geht um die unterschiedlichen Zugänge zu Informationen und daraus abgeleitete politische Einstellungen und Verhaltensmuster. Nicht die linken Pseudorevoluzzer bedrohen den Bestand dieser Nation und zementieren den politischen Ist-Zustand, sondern die Generation jener 68er, die nun in Rente gehen.

1 Kommentar

  1. Da die tägliche Lebenszeit begrenzt ist, reduziert sich der Informationsfluss auf die gewohnten Kanäle. Ich habe mich 2002 vom Fernsehen abgenabelt. Videos sehe ich als Konserve und im Netz. Und wenn ich mal Radio höre, dann schalte ich bei Werbung, Wortbeiträgen und Nachrichten ab, weil mir diese Denkmuster total fremd geworden sind. Parallel zu meinen veränderten Gewohnheiten begann ich 1999, einige meiner Gedanken zu veröffentlichen. Heute zähle ich mich zu den freien Medien.
    https://neu.dzig.de/de/Freie-Medien

    In Mönchengladbach bowlte ich, als ich in Viersen wohnte.

    Vorwort von https://www.dzig.de/Ausbeutung-oder-Selbstverwaltung
    Mich fasziniert die Fähigkeit von Menschen, sich in jeder beliebigen Gedankenwelt häuslich einzurichten. Man nehme eine Ideologie, stütze sie mit Dogmen und blende systematisch lästige Realitäten aus. Man verbinde sich mit ähnlich Gesinnten, um die Nervenverbindungen im Gehirn und in den Gliedmaßen zu verstärken und übe fleißig mit Feinden dieses Weltbildes, um das eigene Tun durch Zirkelschlüsse zu befestigen. Wenn es Gegner gibt, dann muss zwangsläufig die eigene Sichtweise stimmen.

    Die Vertreter der flachen Erde führen als Beweis an, dass rund um den Globus viele tausend Anhänger dieser Tatsache leben.

    Heute ist die Gesellschaft überall von den Protagonisten der Umerziehung vertreten. Sie beanspruchen ihre Deutungshoheit genauso wie ihre Feindbilder.

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