Die Simulation der Geschichte, der Kultur und der Freien

von Thomas Leonardt

Genau im Jahr des 50-jährigen 68er-Jubiläums wird in der Hauptstadt ihrer Bewegung, Frankfurt am Main, die rekonstruierte Altstadt auf dem Dom-Römer-Areal feierlich eröffnet. Die Frankfurter Altstadt, bis zu den alliierten Luftangriffen in 1944 mit über 1250 Fachwerkhäusern mit eine der besterhaltensten in Mitteleuropa, wurde hier in einem lediglich 7.000 Quadratmeter großen Teil wieder aufgebaut, der zuvor größtenteils durch das Technische Rathaus besetzt war. Von den insgesamt 35 Neubauten wurden 15 als historische Nachbauten rekonstruiert. Insbesondere dem energischen Bürgerengagement für einen historischen Wiederaufbau des Dom-Römer-Areals ist es zu verdanken, dass Frankfurt wieder einen Teil seiner Altstadt zurückbekommen hat.

Architektur und Gesellschaft

Vor dem Hintergrund der politischen Lage in Deutschland fällt es schwer, solch ein Projekt nicht in Zusammenhang mit der Gesamtsituation bringen zu wollen. Heute, 50 Jahre nach der sogenannten »68er-Revolution«, sind die Auswirkungen dieser Ideologie in alle Lebensbereiche eingedrungen. In ihr sind der geistig-moralische Verfall, der Masochismus, der Identitätsverlust und die Dekadenz bereits angelegt und münden zwangsläufig in den heute spürbaren Totalitarismus, der nicht die geringsten Abweichungen von den eigenen Glaubenssätzen zulässt und diesen sofort mit Diffamierung und Gewalt beizukommen sucht.

Der Bau des Technischen Rathauses, dieser Beton- und Stahlkoloss auf dem Dom-Römer-Areal aus dem Jahr 1974, forderte den Abriss fünf weiterer historischer Fachwerkhäuser, die den Krieg unbeschadet überstanden hatten. Die hochmoderne Großform besetzte ab da an eine Fläche, die zuvor vom feingliedrigen Netz der Altstadtgassen durchzogen war und vereitelte nun jedwede städtische Lebendigkeit. Einst war die klein parzellierte Altstadt nämlich das Werk ihrer freien Bürger, in der ihre Häuser ebenbürtig und im Verbund den Stadtraum bildeten und somit die gesellschaftlichen Verhältnisse baulich zur Form brachten. Analog dazu findet die 68er-Ideologie ihren authentischen baulichen Ausdruck im Technischen Rathaus.

In der 68er-Bewegung ebenso wie im Technischen Rathaus erblicken wir nämlich die Absage an alle überkommenen Werte und das Vernachlässigen individueller Lebensvorstellungen, die zu Gunsten des großen Ganzen aufgegeben werden müssen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Stimmen der Bürgerschaft gegen diese menschenverachtende Architektur in der Folge derart laut wurden, dass die Politik sich dem Bürgerwillen beugen musste und die Rekonstruktion der historischen Altstadt verabschiedete. Man darf nur hoffen, dass das Bürgerengagement mit dem 68er-Konstrukt in ähnlicher Weise verfährt.

Politische Auslegung

Mit ihrer Wiedereröffnung ist die Frankfurter Altstadt bereits innerhalb der ersten Tage zum Touristenmagnet aufgestiegen und zieht täglich hunderte Besucher in ihre Gassen. Nicht selten findet man sie dort in der großen Traube eines geführten Rundganges, um sich gespannt die geschichtlichen Hintergründe näherbringen zu lassen. Bei aller Freude, hier vielleicht noch einen leisen Ton der großartigen Frankfurter Fachwerkkunst vernehmen zu können, vermisst man den glaubwürdigen Ausdruck dieses Stadtviertels. Alles wirkt lediglich zur Beschauung hergestellt und veranlasste zur Eröffnung daher einige Stimmen dazu, es als »Disneyland« zu betiteln.

Wenn man dieses vergleichsweise kleine Projekt in den Maßstab der bundesrepublikanischen Politik einordnet, so wird bei der allumfassenden Agenda der mutwilligen Abschaffung kultureller Identität die Frage laut, wo denn auf einmal die Bemühungen herkommen, kulturgeschichtliche Zeugnisse in Deutschland aufleben zu lassen. Dabei darf man sich nicht zu früh über eine vielleicht doch identitätsstiftende Kulturpolitik freuen. Denn nicht zuletzt aufgrund des fehlenden authentischen Ausdrucks dieser Altstadt scheint es, als ob die Kulturgeschichte und die Werte einer Gesellschaft, die diese hervorbringen konnte, letztlich nur zur Beschwichtigung simuliert werden. Man denkt an eine Art Reservat, in der man die letzten Zeugnisse einer untergehenden Kultur noch bewundern können soll, während ringsherum alle Anstrengungen zum gegenteiligen Effekt ergriffen werden.

Letztlich ist das stete Engagement der Bürger ein Zeugnis davon, dass ihnen eine andere Lebenswirklichkeit als diejenige vorschwebt, die die politische Klasse für sie ausgemacht hat. Daher ist es nur recht, dass ihr Verlangen zur Umsetzung kam, auch wenn das Resultat nicht ganz befriedigend ausfällt. Bezogen auf die Arbeit des patriotischen Lagers ist die Schlussfolgerung, dass es sich nicht durch unbedeutende Zugeständnissen der Politik ruhigstellen lassen darf, sondern weiter für eine echte Veränderung einstehen muss. Und wenn diese gekommen ist, dann werden wir den letzten Verfechtern der linken Utopie auch ihre Reservate zugestehen, in der sie ihre Ideologie ausleben können –freilich, ohne dass Unbeteiligte dabei zu Schaden kommen müssen.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here