Die Gegenöffentlichkeit ist bisher immer eine begriffliche Aneignung linker Akteure und Ideologien gewesen. Mit den Studentenprotesten und der 68er Bewegung wurde der Begriff erstmals populär und in wissenschaftlichen und theoretischen Debatten rezipiert. Gemeint war eine grundsätzliche Infragestellung der „bürgerlichen Öffentlichkeit“, als deren konsequente Opposition sich die Vertreter und handelnden Akteure der Gegenöffentlichkeit verstehen. Es folgt der Erkenntnis, dass die Thematisierung und Problematisierung bestimmter sozialer Dynamiken und gesellschaftlicher Missstände innerhalb der herkömmlichen Öffentlichkeit keinen Raum finden.

Auffassungen, Meinungen, Debatten und Zustände finden vom Standpunkt der Gegenöffentlichkeit in bestimmten Bereichen des medialen und politischen Mainstreams keine Kanäle, über die sie kommuniziert werden können. Aus dieser generellen Analyse verschiedener sozialer Wirkzusammenhänge entwickelte sich schließlich das Konzept der Gegenöffentlichkeit, welches „emanzipatorische“ Zielsetzungen der 68er Linken in die Gesellschaft tragen sollte.

Vieles ist seit 1968 passiert. Parteien, Zeitungen, NGOs und Initiativen sind entstanden, die aus den Strukturen der linken Gegenöffentlichkeit erwachsen und das konservative Fundament der alten Bundesrepublik grundsätzlich in Frage stellten. Dies dürfte auch weitgehend gelungen sein. Mit dem bekannten Marsch durch die Institutionen wurde die linke Ideologie salonfähig. Genau hier beginnt das heutige Dilemma. Der emanzipatorische Gedanke der Gegenöffentlichkeitskonzepte der 68er war immer auf Subversion, Bruch mit der herrschenden Ordnung und Widerspruch ausgelegt.

Auf dem Hof der Macht angekommen

Doch mit dem Zugang zum Hof der Macht begann auch die Frage danach, ob die Erben der 68er überhaupt noch eine Tradition der echten Gegenöffentlichkeit praktizieren können. So war mit den Grünen und ihrer ersten Regierungsbeteiligung 1998 ein vormaliger Verfechter der linken Gegenöffentlichkeit auch an der politischen Macht. Heute scheinen selbst Koalitionen mit der früher noch verhassten CDU nicht mehr ausgeschlossen. Ob dies nun am Linksruck der CDU oder der Anpassung und Konformität der Nachgeneration von 1968 liegt? Tatsächlich dürften beide Faktoren einen Anteil haben.

Gegenöffentlichkeit agiert immer von einem politischen Standort des Außenseiters. Die neue Linke ist jedoch an der Macht angekommen. Ihre Ideologie ist sowohl bewusst als auch unbewusst in der gesellschaftlichen, medialen und politischen Mentalität der Bundesrepublik zementiert. Von einer notwendigen linken Gegenöffentlichkeit zu sprechen erscheint angesichts der eigentlichen Bedeutung und Begriffshistorie nicht mehr angemessen. Wo sich politische Macht sammelt, steht jedoch immer auch schon die Opposition bereit. Daher stellt sich natürlich die Frage, ob heute eine patriotische und rechte Gegenöffentlichkeit eine legitime Berechtigung hat. Zumindest dürfte man erwarten, dass die patriotische Gegenöffentlichkeit innerhalb einer Demokratie einfach nur die logische Folge einer Entwicklung ist, wo sich die politischen Koordinaten immer weiter nach links verschoben haben. Der Konflikt zwischen den konservativen Restbeständen der Bundesrepublik vor der Jahrtausendwende und den emanzipatorischen und „befreienden“ Kräften der Linken ist spätestens mit der Regierungsbeteiligung der Grünen im Jahr 1998 entschieden worden.

Revanche von rechts

Doch der öffentliche Widerspruch und die Rebellion ist mit der Machtübernahme von links nicht verloren gegangen. Revanchierende Kräfte haben bereits ihre Kanäle und Plattformen in Stellung gebracht und bauen schrittweise eine neue Gegenöffentlichkeit auf, die das überfällige Korrektiv zur linken Deutungsmacht darstellen soll. Die neuen Medien in Form von sozialen Netzwerken und digitalen Angeboten machen es der politischen Konkurrenz von links schwer, eine adäquate Antwort zu finden. Der digitale Medienwandel eröffnet noch einmal neue Plattformen und Kanäle, von denen selbst die Jünger der 68er Bewegung nur träumen konnten, die sich meist nur mit Flugblättern in Hörsälen bewaffnen konnten. Das Internet ermöglicht eine Vervielfachung von Reichweite und verschiedenen Inhaltsangeboten, womit die konservativen und patriotischen Akteure aktuell auch wesentlich geschickter umgehen können. Im Durchschnitt haben Kanäle von AfD und ihren Politikern weitaus höhere Interaktionsraten als die politische Konkurrenz. Dies könnte ein entscheidender Vorteil der Gegenöffentlichkeit sein. Aus der Position des Außenseiters, der keine Machtmittel zur Verfügung hat und sich nicht eines üppig finanzierten Medienapparats bedienen kann, sind jene Akteure der Gegenöffentlichkeit einem viel höheren Innovationsdruck ausgesetzt. Sie beleben die politische Debatte, provozieren, schaffen kulturelle Gegenangebote und bauen einen Kosmos neuer politischer Ideen und Vorstellungsbilder auf, die vom Establishment zunächst bekämpft und durch den steigenden gesellschaftlichen Druck schlussendlich doch ins eigene Handeln eingebunden werden.

Rechts ist das neue „Punk“

Politik ist ein stetiger Kampf um Deutungshoheit und Interessendurchsetzung. Diesen Umstand wird auch die politische Linke früher oder später begreifen müssen. Das patriotische und konservative Milieu ist in einer ambivalenten Position, wo die inhaltliche und weltanschauliche Selbstpositionierung immer auf das Bewahrende und ewig Gültige setzt. Doch die neue Rebellion, der neue Aufbruchsgeist und die neuen Ideen kommen heute von rechts. Das Merkmal der Gegenöffentlichkeit bestimmt sich nämlich nicht nach einer politischen Einordnung von links nach rechts, sondern in der Bewahrung eines kritischen und skeptischen Verständnisses mit den Machtverhältnissen und den gegebenen gesellschaftlichen Umständen. Die Gegenöffentlichkeit steht auf der Seite des Kritikers und des Nonkonformisten. Da die Gegenöffentlichkeit immer stets auch die fundamentale Herrschaftsfrage stellt, versuchen ihre Konkurrenten ihr die Legitimation abzusprechen.

Seit etwa drei Jahren ist die Debatte um Fake-News und Filterblasen ein oft gesehenes Thema in den Medien. Vertreter der neurechten Gegenöffentlichkeit würden mit falschen Fakten operieren und ihre Anhänger sich immer tiefer in eine Spirale der permanenten Selbstbestätigung ihrer eigenen Ansichten und Vorstellungen bewegen. Dass sich dieses Phänomen ebenfalls bei der Linken wiederfindet, wird gerne verschwiegen. Insbesondere auf Seiten der radikalen linken Kräfte hört man immer wieder die Forderung, nicht mit den Rechten zu reden, da dies ihre Positionen als gleichberechtigte Ideen neben anderen aufwerten würde. Die Diskursverweigerung und das Leben in der Filterblase findet daher wohl weniger innerhalb der Rechten, als vielmehr auf der Linken statt. Eine Umfrage zur Diskursoffenheit bei rechten und linken Akteuren würde wohl erstaunliche Ergebnisse hervorrufen.

Die Gegenöffentlichkeit mobilisiert sich

Doch die Gegenöffentlichkeit ist das Ergebnis der Analyse, dass die Gewinnung von Einfluss und Adressierung der Massen in der Position des Kritikers und Rebellen nicht über die klassischen Macht- und Kommunikationskanäle funktioniert. Gerade heutzutage eröffnen sich ganz neue Zugänge. Die rechte Gegenöffentlichkeit ist ein noch junges Phänomen, welches sich primär auch aus den politischen Umständen der letzten drei Jahre entwickelt hat. Die Flüchtlingskrise 2015 war ein entscheidender Mobilisierungsschub, der sich nun auf dem Weg in die nächste Stufe vom Aufbau eigener Medien, Infrastruktur und Netzwerken befindet. Sollten es die Kreise aus liberalen Konservativen, Neurechten und Patrioten schaffen, ein Verständnis von Gegenöffentlichkeit zu schaffen, werden wir nicht mehr klein zu kriegen sein. Es geht darum, an die strategische Sensibilität zu appellieren und politische Umschwünge und Veränderungen in verschiedene Phasen und Etappen einzuteilen. Politischer Erfolg muss gesammelt, eingeordnet und zementiert werden. Hier beginnt der Aufbau einer echten Gegenöffentlichkeit und auch der Auftrag des Projektes „Okzident Media“. Wir fördern kritische patriotische und konservative Köpfe dieses Landes und geben jungen Leuten eine Plattform, um ihre medialen Talente und Fähigkeiten für verschiedene Projekte vom alternativen Journalismus bis hin zum Aufbau einer künstlerischen und kreativen Gegenkultur weiterzuentwickeln.

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