„Nur noch kurz die Welt retten“ – ein Song von Tim Bendzko, der 2011 die deutschen Charts eroberte und beim Hören vermutlich immer noch einen unweigerlichen Ohrwurm hervorruft. Anschließend muss die künstlerische Figur des Songs noch ein paar Mails verschicken und fliegt danach sofort zu seiner Geliebten. Was in dem Song vielmehr die ironische Umschreibung der Alltagssorgen ist, deren Bewältigung wir gerne als große Weltrettung verstehen wollen (um unserer bürgerlichen Mikrowelt etwas Heroismus zu verleihen), hat in der Sphäre des Politischen eine ganz neue Bedeutung.

Doch die Figur des Weltretters scheint gerade im Westen an Popularität zu gewinnen. Es ist die selbst auferlegte globale Verantwortung, mit der wir uns in der Schuld sehen, möglichst allen Menschen auf diesem Planeten ein wohlstandsgeprägtes und freies Leben zu ermöglichen. Die Rechtfertigung der Masseneinwanderung folgt aus dem Verständnis einer vermeintlichen Schuldigkeit und „globalen Verantwortung“, die wir gegenüber jenen Menschen hätten, die in unser Land einwandern. Dieses Ausgreifen von Schuld und Verantwortung in globale Dimensionen verbindet sich schließlich mit der permanenten moralischen Anklage an die eigenen Landsleute, die gefälligst mehr Empathie gegenüber den weltweiten Problemen aufbringen sollen. Vom Klimawandel über die weltweite Armut bis hin zu kriegerischen Konflikten sehen sich vor allem Politiker und linke Akteure in der Rolle des heiligen Samariters und haben ihren Auftrag in der Lösung und Beseitigung der globalen Problemlagen erkannt.

Konfrontation mit der Realität

Dieses Denken erwächst jedoch einem Irrtum und der totalen Selbstüberschätzung eigener Handlungsfähigkeiten. Die Welt wird als einheitlicher Ort zusammengefasst, der auf einen ideellen Endzustand hinstrebt und die Lebensbedingungen nach Möglichkeit für alle gleichberechtigt angepasst sind. Doch das Weltbürgertum, das Zurückstellen von nationalstaatlichen Interessen und die Kompetenzverlagerungen auf internationale Institutionen sind politische Irrtümer, die die Realität verleugnen, dass die Welt nicht nur ein schönes Paradies ist, sondern auch ein Ort, an dem abscheuliche Dinge geschehen. Bittere Realität ist dies beispielsweise für ein US-amerikanisches Pärchen geworden, das in dem Antrieb, zu beweisen, dass das „Böse“ lediglich eine gedankliche Konstruktion sei, sich auf eine lange Weltreise mit dem Fahrrad begab und schließlich auf bestialische Weise von islamistischen Milizen in Tadschikistan ermordet wurde.

In nur knapp 50 Prozent aller Länder weltweit kann man von der Durchsetzung von Menschenrechten und demokratischen Prinzipien sprechen. Wohlbemerkt schließen diese offiziellen Statistiken auch Länder wie etwa Brasilien, Indien und Südafrika mit ein, wo vielleicht formell Demokratien nach westlichem Standard herrschen, jedoch Gesellschaftsstrukturen und Kulturverständnis dem westlichem Vorbild konträr gegenüberstehen. Seit nunmehr über 25 Jahren nach Ende des Kalten Krieges versucht der Westen, internationales Recht durchzusetzen, und sieht als Pflicht an, auf Demokratie, Menschenrechte und liberale Zivilgesellschaften hinzuarbeiten. Kaum einer kommt auf die Idee, zu hinterfragen, ob unsere Vorstellungen vom kulturellen Zusammenleben und demokratischen Systemen tatsächlich universelle Gültigkeit haben.

Erweiterung des Mitfühlens

Durch die digitale Vernetzung und dem permanenten Zugang zu Medien jeglicher Art beschränkt sich unser Empathievermögen nicht mehr nur auf die unmittelbare Gemeinschaft, die wir mit der Familie oder der Nachbarschaft wahrnehmen. Ein Fernsehbericht über die Hungersnot in Afrika erzeugt automatisch einen emotionalen Hilfsimpuls und reflektiert das eigene Privileg, bei hungrigem Magen den nächsten Supermarkt aufzusuchen und Zugriff auf eine unendliche Auswahl an Möglichkeiten zu haben, die dieses für uns banal erscheinende Primärbedürfnis befriedigen. Hier setzt das Gefühl von Schuld und Scham ein, welches viele Menschen in Europa durch die Befürwortung der Masseneinwanderung zu kompensieren versuchen. Wenn wir schon in diesem scheinbar materiellen Überfluss leben, so sollen andere wenigstens auch in unseren Ländern daran teilhaben können. Natürlich ist dies ein verständlicher psychologischer Reflex. Doch er kann eben noch keine politische Agenda oder Handlungsanleitung begründen, die sich insbesondere in Europa in Form der offenen Grenzen und der Masseneinwanderung konkretisiert.

Ort und Gebundenheit

Doch Völker und Kulturen haben eben keinen globalen Auftrag. Staatliche Institutionen und Verfassungen sind zunächst immer auf die Lebensgestaltung und Rechtssicherheit der Bürger im eigenen Land ausgerichtet.

Kulturen erwachsen immer aus einem konkreten Umfeld, welches örtlich an die Nation oder Region gebunden ist. Hilfsbereitschaft für andere Menschen ist gewiss immer ein moralisches und empathisches Motiv. Sie kann jedoch nicht zur politischen Maxime werden, hat Grenzen und kann nicht als Erpressungsinstrument gegen jede praktische Verantwortlichkeit ins Feld geführt werden. Hinzu kommt die Frage, ab wann das Projekt der „Weltrettung“ denn abgeschlossen ist. Armut und Krieg waren in der Welt schon immer omnipräsent. Was für eine selbstgerechte Generation, die sich in ihrer jetzigen Existenz dazu berufen fühlt, das Elend in der Welt zu beseitigen. Niemand will dieses idealistische Ziel in Abrede stellen, doch eine Gleichstellung aller Menschen mit unserem Lebensstandard ist realistisch nicht möglich und kann eben nur durch den Zugang in unsere Kulturräume und Sozialsysteme begründet werden. Eine solche Form der Willkommenskultur kann jedoch nur die Auflösung des eigenen kulturellen, demokratischen und materiellen Bestands sein.

Die Realität schlägt den globalen Idealismus

Schon heute steht Europa mit knapp 800 Millionen Menschen einer Bevölkerung von knapp 1,2 Milliarden Menschen in Afrika und über 4 Milliarden Menschen in Asien gegenüber. In nur 30 Jahren – so errechnen Experten – könnte sich die Bevölkerung allein in Afrika auf über 2 Milliarden fast verdoppeln. In manchen afrikanischen Ländern wie Nigeria geben bereits über 75 Prozent an, in naher Zukunft ihre Heimat Richtung Europa verlassen zu wollen.

Natürlich kann man einwenden, dass diese Leute sich ohnehin nicht mehr aufhalten lassen. Doch die Versorgung innerhalb der europäischen Länder würde angesichts dieser demographischen Masse kollabieren. Es gibt sicherlich keine objektiv festlegbare Grenze, ab wann ein Staatswesen durch die ständige Ausdehnung seiner Versorgungsleistungen zusammenbricht. Doch die Kapazitätsgrenzen zu bestimmen ist eben die Aufgabe einer pragmatischen Politik. Die Weltretter sind in der Falle des Kurzzeitdenkens gefangen. Denn wer seine Hilfsbereitschaft unendlich ausdehnt, verliert an einem bestimmten Punkt alle Ressourcen und notwendigen Bindungskräfte, um die eigentlich erforderliche Hilfe überhaupt noch zu gewährleisten. Ein etwas älteres Video visualisiert diesen Umstand auf brillante Art und Weise, dass die demographische Realität am Ende die große Weltrettungsmission zum Scheitern bringen wird – ob heute oder morgen. Aber die kindliche Mission des Westens, die Welt zu retten, wird sich als Irrtum herausstellen.

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