Ein Riss geht durch Deutschland – vielleicht nicht mehr unbedingt in Form einer Mauer zwischen Ost und West, doch jeder hat das angespannte Klima in den letzten Jahren und Monaten bemerkt. Die Frage ist nun: Wie gehen wir damit um? Darf man mit Rechten reden? Seit einigen Jahren beherrschen diese Fragen mediale und politische Debatten. Die Stimmung ist so politisiert und insbesondere polarisiert wie nie zuvor. Die Fragen nach Identität und Kultur bestimmen die Gespräche von links bis rechts. Manche haben ihre politischen Überzeugungen geändert und manche kämpfen noch entschlossener als ohnehin für ihre Positionen.

Insgesamt gilt: Niemand aus dem Establishment weiß mit dem rechten Elefanten im Raum umzugehen. Man dachte, die Geschichte sei abschließend geschrieben worden, aus der das linke Projekt der zusammenwachsenden Welt und der multikulturellen Gesellschaft als Sieger hervorgeht. Doch mit der Flüchtlingskrise 2015 scheinen die linksliberalen Eliten ihre Agenda deutlich überzogen zu haben. Das Öffnen der Grenzen für hundertausende Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten hat viele Menschen mit einer Realität konfrontiert, die völlig neue politische Handlungs- und Verhaltensimpulse ausgelöst hat.

Eine Partei rechts der CDU hat sich etabliert. Patriotischer Straßenprotest hat eine mobilisierende Dynamik hervorgerufen und eine alternative Gegenöffentlichkeit hat ein massives Wachstum erlebt. Die Reaktion der linken Eliten und etablierter Parteien waren die gewohnheitsmäßigen Diffamierungen und Skandalisierungen. Diese Ausgrenzung hat über viele Jahre auch stabil und zuverlässig funktioniert. Doch mit dem neuen Phänomen scheinen die herkömmlichen Reaktionsmuster nicht mehr ihre Wirkung zu entfalten. Man merkt eine gewisse Verunsicherung und Ratlosigkeit im linken Lager. Und so ist die Aktion „Deutschland spricht“ – initiiert von Medien wie Spiegel Online, Zeit Online und der Tagesschau – vielleicht ein erster ernsthafter Versuch, in den Dialog zu treten und diese Spaltung aufzulösen?

In der letzten Ausgabe der Zeit widmet sich der Journalist Bastian Berbner dem Thema dieser Aktion und versucht im Selbstexperiment, mit verschiedenen Protagonisten von links bis rechts ins Gespräch zu kommen. Dabei dokumentiert er unter anderem die Gespräche mit einer Aktivistin der Grünen Jugend aus Berlin, einem Neonazi und einem Verschwörungstheoretiker aus dem eigenen Bekanntenumfeld.

Der Artikel offenbart durchaus einige interessante Erkenntnisse und Analysen. Insbesondere ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Psychologen Peter Coleman gibt darüber Aufschluss, dass vor allem jene offen für politisch Andersdenkende sind, deren Alltag und Lebensgestaltung durch viele und teilweise konträre soziale Identitäten geprägt ist. Coleman spricht von „kongruenten Identitäten“. Das heißt: Umso komplexer die eigene individuelle Identität aufgebaut ist, umso mehr Offenheit und Empathie entwickelt man gegenüber anderen politischen Haltungen und Vorstellungen.

Komplexe Identitäten

Wenn jedoch das tägliche Umfeld und der Informationskonsum ausschließlich in der Selbstbestätigung der eigenen Meinung besteht, verhärten sich selbstverständlich die eigenen Einstellungsmuster. Nun sind damit als Beispiel die sogenannten „Filterblasen“ beschrieben, die mit der Diskussion von „Hatespeech im Netz“ und Algorithmen in sozialen Netzwerken den Usern anhand ihres vergangenen Nutzerverhaltens dazu äquivalente Vorschläge machen.

Die Bewohner jener Filterblasen würden sich dadurch jedem Zugang für andere Argumente grundsätzlich versperren, die keine Bestätigung ihrer eigenen politischen Haltung widerspiegeln. Viel wurde über Filterblasen aufgeklärt, Selbstexperimente durchgeführt und sogar gesetzliche Maßnahmen zu deren Bekämpfung gefordert. Doch das Phänomen der Filterblasen wurde nur selten als neutrale Analyse präsentiert. Betroffen seien primär Rechte, Konservative und Patrioten. Dabei wäre für einen wirklich ernsthaften Verständnisversuch auch die Reflexion des eigenen Medien- und Informationskonsums notwendig. Denn Filterblasen betreffen jedes politische Milieu und sie sind auf der linken Seite teilweise genauso die Regel.

Schuld sind immer die anderen

Die Asymmetrie wird jedoch nicht nur in der Debatte um die Filterblasen deutlich. Ebenso stellt sich die Frage, welche Zielstellung die Dialogbereitschaft der Kampagne „Deutschland spricht“ mit sich bringt. Denn vielen Protagonisten dieser Idee geht es eben nicht darum, vielleicht auch rechte Positionen als legitimen Bestandteil eines vielfältigen Meinungsspektrums im Land zu akzeptieren. Der Dialog und die Prämisse, mit „Rechten zu reden“, zielt meist auf die vermeintliche „Enttarnung“ ihrer Positionen ab. Die Linken wollen die Menschen in das politische Spektrum zurückholen, das sie entlang ihrer eigenen politischen Vorstellungen als demokratisch definieren, obwohl gerade die Akzeptanz anderer Positionen und der ergebnisoffene Streit zu den Kernmerkmalen der Demokratie gehört.

Ein gleichberechtigter Dialog, um zumindest die Möglichkeit rechter Positionen als legitime politische Vorstellung zu sehen, ist für sie unmöglich. Sich mit Inhalten der politischen Konkurrenz ernsthaft auseinanderzusetzen erfordert jedoch einen Horizont, der die Forderungen und Ziele des Gegenübers für umsetzbar hält und dabei nicht unreflektiert in schockierte Skandalreflexe umschlägt. Natürlich darf der Dialog auch den politischen Konkurrenten von der eigenen Meinung überzeugen. Unehrlich ist es jedoch dann, wenn der Dialog nur als Machtkalkül zur Festigung der eigenen Position und zur Besänftigung der Konkurrenz verwendet wird.

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