Mit den ersten Hochrechnungen und Prognosen des Wahlabends folgen auch immer die statistischen Einordnungen des Wahlverhaltens nach soziodemographischen Daten. Neben dem Berufsstand, Lebenssituation oder Geschlecht hat sich spätestens seit der Europawahl im Mai 2019 die Altersstruktur als die aufschlussreichste Kategorie gezeigt.

Alte, weiße Männer wählen konservative oder rechte Parteien. Der garstige Wendeverlierer im Osten sorgt für die Stimmen der AfD, um seiner ungebrochenen Wut endlich ein politisches Ventil zu geben. Die Mehrheit der AfD Wähler waren jedoch vor 1990 entweder nicht einmal geboren oder starteten gerade erst in das Berufsleben. Ihre Erwachsenenbiografie hatte zumindest keinen krassen Bruch erlebt, sondern ist weitgehend von der bundesrepublikanischen Realität geprägt.

Bei der Landtagswahl in Brandenburg holte die AfD jeweils 30% in den Altersgruppen 25-34 Jahre und 35-44 Jahre. Am schwächsten lag der Wert bei den über 70jährigen. Hier räumen CDU und SPD das gesamte Feld der Wählerschaft ab. Lediglich in den Altersgruppen ab 60+ können SPD und CDU sowohl in den ostdeutschen Bundesländern als aber auch in der gesamten Republik ihren „Volksparteistatus“ für sich reklamieren. Angesichts einer generell alternden Bevölkerung sind diese Wählergruppen jedoch immer noch wahlentscheidend und retten SPD und CDU im letzten Moment.

Echte Mehrheiten werden bei den älteren Jahrgängen gewonnen. Hier ist auch interessant, dass die CDU an die AfD 84.000 Stimmen verloren hat. Platz zwei der höchsten Verluste sind die Verstorbenen mit 61.000 vormaligen Wählern, die 2014 noch für die CDU votierten

Muss die AfD jetzt schließlich mehr Engagement in die Renten- und Seniorenpolitik investieren? Gewiss ist das nach wie vor fehlende einheitliche Renten- und Sozialkonzept immer noch eine inhaltliche Leerstelle im Parteiprofil. Auf dem ambitionierten Ziel zur echten Volkspartei müssen selbstverständlich auch alte Menschen mitgenommen werden.

Doch strategische Wählermobilisierung fokussiert sich auf die eigenen starken Zielgruppen und nutzt diese als Multiplikatoren, statt beliebige Angebote für „alle“ Altersklassen zu machen. Die Europawahl im Mai dieses Jahres hat eine völlig neue Ausgangslage im bundesdeutschen Parteisystem zementiert, was durch die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen lediglich bestätigt wurde. Der tatsächliche politische Kampf findet bei den kommenden Wahlen zwischen den Grünen und der AfD statt. Es könnte keinen gegensätzlicheren Antagonismus zwischen beiden Parteien geben.

AfD und Grüne konkurrieren in ihrer Kernwählerschaft vor allem in der Altersspanne von 18-50 Jahren. Immerhin in Summe noch knapp 27 Millionen Wahlberechtigte von 61,5 Millionen. Seit der letzten Bundestagswahl 2017 stellen die Ü50 Wähler erstmals mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten. Die Ü50 Wählerschaft teilen jedoch nach wie vor die SPD und CDU unter sich auf. Alte Menschen sind immun gegen Trends und den politischen Hochfrequenzbetrieb in den Medien. Sie sind mit der abendlichen Tagesschau (Altersschnitt der Zuschauer: 60 Jahre) zufrieden. Gerade die westdeutschen Ü50er kennen noch ein Parteiensystem, welches die Machtfrage lediglich zwischen CDU und SPD entschied und Ergebnisse unter 30% für die beiden völlig undenkbar waren.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den es in Bezug auf die Wahlbeteiligung zu berücksichtigen gilt. Die Regel lautet umso älter die Wahlberechtigten umso höher meist die Wahlbeteiligung. Die stärksten Zuwächse konnte die AfD bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen aus dem Milieu der Nichtwähler schöpfen. 246.000 die 2014 der Urne noch ferngeblieben sind, gaben diesmal ihre Stimme der AfD. Und dennoch sind 900.000 der Wahlberechtigten auch am 01. September 2019 zuhause geblieben. Hier ist noch lange keine vollständige Potentialausschöpfung erreicht. Die Nichtwähler dürften auch für das doch überraschend starke Ergebnis für die AfD gesorgt haben. Sie sind demoskopisch und statistisch nur schwer zu fassen. Alle Wählerwanderungen der letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass die AfD vor allem als Demokratiemotor etabliert ist, der die Menschen zurück in die politische Partizipation holt.

Es geht um Zukunftsfragen:

Die guten Ergebnisse bei den Landtagswahlen im Osten sollten nicht in eine Selbstzufriedenheit der AfD führen. Das ernüchternde Ergebnis bei der Europawahl im Mai dieses Jahres hat zu offensichtlich ein inhaltliches Vakuum in zentralen Zukunftsfragen gezeigt und auch die Kampagnen der Landtagswahlen waren alles andere als innovativ, dynamisch und erhebend.

Wie charakterisiert sich der klassische AfD Wähler? Der Lebensabschnitt 30-45 Jahren ist zu weit vom ruhigen Dasein als Pensionist und Rentner entfernt und gleichzeitig verbunden mit Abschluss der Jugend und der beruflichen Ausbildung. Die biographischen Orientierungsanker und Zielvorstellungen sind gesetzt. Politische Zukunftsentscheidungen haben in dieser Gruppe die stärksten Auswirkungen, da sie einerseits den eigenen Nachwuchs betreffen und andererseits den Grundstein und die Vorraussetzungen für das Leben ab 65 Jahren legen. Die AfD muss den Fokus eben genau auf diese Altersgruppen legen, die überhaupt erst für die gesellschaftliche Stabilität sorgen.

Jene Menschen im Erwerbsalter, die das ökonomische Fundament der Volkswirtschaft liefern, die sich in den Dörfern und Kommunen als Ehrenamtler engagieren, die sich Perspektiven für ihr familiäres Umfeld wünschen und jene die einfach den entscheidenden Anteil für das Funktionieren eines öffentlichen Zusammenleben ausmachen.

Die richtige demographische Analyse kann den politischen und wahlentscheidenden Unterschied ausmachen. Die AfD muss auch begreifen, dass wir bereits inmitten eines Generationenkonfliktes stehen und die politische Wende nicht nur von einer naiven und gehirngewaschenen Jugendgeneration verhindert wird. Die Jugend besteht offensichtlich aus noch mehr Milieus als nur der „Greta Jugend“ und den Adorno lesenden Soziologiestudenten. Es macht Sinn sich hier an den demoskopischen Fakten zu orientieren, statt immer wieder das eigene Klischee zu reproduzieren.

Das Zielgruppenfeld der AfD ist nun bereitet, die sozialen Milieus ihrer Wählerschaft werden erkenntlich. Zeit sich nun auch inhaltlich darauf einzustellen. Zukunftsfragen wie die Digitalisierung, Umweltpolitik und der Sozialstaat der Zukunft könnten mit klugen eigenen Konzepten beantwortet werden. Der Aufbau einer verhältnismäßig jungen Stammwählerschaft wäre das entscheidende Stabilisierungskriterium für die Partei. Dazu braucht es mittelfristig jedoch auch neben der inhaltlichen Profilschärfung für Zukunftsthemen auch personelle Veränderungen die innerparteilich junge Menschen besser repräsentieren. Die Junge Alternative hat aktuell immer noch nur ein Wahlkampfhelferdasein ohne eigene inhaltliche und strukturelle Akzente und in der Vorstandsebene der Partei liegt der Altersdurchschnitt deutlich über 50 Jahren. Neben der aktuellen Debatte mehr Repräsentation der ostdeutschen Landesverbände in den Bundesvorstand zu bringen, wäre ebenso die Diskussion mehr junge Menschen oder auch einen expliziten Jugendvertreter in den Vorständen einzubringen angebracht.

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